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Annafest: Braucht es Rettungsinseln im Kellerwald? 17.07.2016 06:00 Uhr

Spezielle Sicherheitszonen für belästigte Frauen: „Davon halten wir nichts“


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Während sonst drohende Unwetter die größten Sorgenfalten auf den Gesichtern der Annafest-Veranwortlichen hinterlassen, ist das Verständnis vom Begriff „Sicherheit auf dem Annafest“ heuer ein anderes als in den Jahren zuvor. Doch Sicherheitsinseln für belästigte Frauen, wie es sie in diesem Jahr erstmalig am Erlanger Berg gab, brauche es im Kellerwald nicht, so Klaus Backer vom Ordnungsamt.

Je später es wird, desto voller sind die Wege durch den Kellerwald. Doch für Rettungsinseln analog zum Berg ist das Gelände zu groß und verzweigt. © Roland Huber

Wenn die Abendsonne über den Wipfeln des Kellerwalds verschwindet und sich die Wege und Keller mit Massen an Besuchern füllen, kann es schnell zu unangenehmen Situationen kommen. Körper an Körper schiebt man sich durch die engen Gassen. Nach den Übergriffen in der Silvesternacht blieb ein diffuses Gefühl der Angst in den Köpfen vieler Menschen und so ist es kein Wunder, dass die Stadt in ihrer Pressemitteilung zum Annafest auf das Thema sexuelle Gewalt gegen Frauen eingeht.

„Der Alkohol enthemmt und zudem sind Frauen, die zu viel getrunken haben, weniger abwehrbereit.“ Monika Vieth vom Weißen Ring tut sich schwer, die Situation für Frauen im Kellerwald einzuschätzen. Einerseits ist ihr in den 20 Jahren ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit bei dem Verein, der Kriminalitätsopfer unterstützt, noch keine Frau begegnet, die von Übergriffen auf dem Annafest berichtet hat. Andererseits heiße das rein gar nichts, schiebt sie nach: „Viele Frauen haben Hemmungen, sich zu melden, machen sich selbst Vorwürfe, dass sie zur falschen Zeit am falschen Ort waren und sorgen sich, dass ihnen eh nicht geglaubt wird.“

Es steht Aussage gegen Aussage

Auch wenn durch die neue Gesetzesänderung noch klarer sei als eh schon, dass ein Nein wirklich auch Nein bedeute, gäbe es juristische Probleme, die kein Gesetz auf der Welt ändern könne. „Bei einer Vergewaltigung sind ja meist nur zwei Personen beteiligt und es steht dann Aussage gegen Aussage“, erklärt Vieth die vertrackte Situation, in der sich Frauen nach so einem Übergriff befinden und entscheiden, lieber nichts zu sagen.

„Es wäre blauäugig zu denken, dass auf dem Annafest nichts passiert“, sagt Klaus Backer, Leiter des Ordnungsamts und mitverantwortlich für das Sicherheitskonzept. „Aber es ist auch kein auffälliges Problem auf dem Fest.“ Auf Nachfrage gibt es vom Chef der Forchheimer Polizei, Jürgen Knauer, konkrete Zahlen. 2014 meldete eine Frau eine unsittliche Berührung. Im Vorjahr gingen zwei Anzeigen ein: Einmal hatte ein Bekannter einer Frau „an den Hintern gelangt“, so Knauer, beim anderen Fall wurde einer Frau die Hose heruntergezogen — „ebenfalls von einem Bekannten“.

Auch wenn jeder Fall von sexuellem Missbrauch einer zu viel ist, hält Knauer die „Rettungsinseln“, die es heuer zum ersten Mal auf der Erlanger Bergkirchweih gab, fürs Annafest für nicht umsetzbar. Hintergrund der neuen Anlaufstellen in der Nachbarstadt für Frauen war, dass im Jahr zuvor drei Sexualdelikte zur Anzeige gebracht worden waren, eines davon eine Vergewaltigung.

„Wir haben uns gegen Rettungsinseln auf dem Annafest entschieden, weil wir nichts davon halten“, sagt Backer und erklärt: „Was bringt es den Frauen, wenn sie am Gottla- oder am Neder-Keller belästigt werden und dann 20 Minuten brauchen, um sich zur nächsten Insel durchzuschlagen?“

„Auch ohne Rettungsinseln gibt es natürlich Anlaufstellen für Frauen“, sagt Polizeichef Knauer. „Wir haben zwei Sanitätswachen und an jeder Bühne und Bar Sicherheitspersonal: Hier können Frauen jederzeit Hilfe finden“, erklärt Backer. Die Sanitäter sind unterhalb der „Glückshafen“-Losbude und neben der Festleitung zu finden. Insgesamt sind 36 Securitys und dazu noch die Bereitschaftspolizei ab 20 Uhr unterwegs.

„Die belästigte Dame ruft am besten laut um Hilfe und wendet sich an den nächsten Polizist, Security, an die Festleitung oder die Wirte“, so Backer. Dasselbe gilt natürlich auch für Männer, die sexuelle Gewalt erleben. Knauer empfiehlt, im Falle eines Falles sofort umstehende Leute anzusprechen und direkt um Hilfe zu bitten. Wichtig sei zudem, keine falsche Scham zu haben und einen Übergriff schnellstmöglich anzuzeigen — auch im Sinne der Spurensicherung. 

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