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So war mein Selbstversuch als Annafest-Kellnerin 27.07.2018 07:56 Uhr

NN-Reporterin Nina Eichenmüller wagte den maßvollen Rollentausch


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Wie ist es wohl, auf dem Annafest zu arbeiten – anstatt sich vom Keller über die Schießbude zum nächsten Süßigkeitenstand treiben zu lassen? Im Selbstversuch habe ich einen Abend lang die Kellner am Neder-Keller unterstützt und mal hinter die Volksfest-Kulissen gespitzt.

Schlug sich wacker: Unsere Test-Kellnerin Nina Eichenmüller am Neder-Keller. Sie übernahm den Rollenwechsel unter der Woche, an den besucherstärkeren Wochenenden ist deutlich mehr zu tun für die Annafest-Bedienungen. © Foto: Ralf Rödel

"Hulapalu, wo’s gehrt denn do dazua", dröhnt der Dauerhit von Andreas Gabalier bis zur Straße am oberen Kellerwald. Es ist kurz vor 18 Uhr und "Die Nachtschicht" macht am Neder-Keller einen kurzen Soundcheck, um der Feiermeute am Abend richtig einzuheizen. Normalerweise würde ich jetzt eine Runde auf dem Annafest drehen, mir ein Langos und ein Radler kaufen – und Leute treffen, die ich von früher kenne.

An diesem Abend ist mein Ziel zwar der Neder-Keller. Hier werde ich aber nicht auf den Bänken sitzen und ausgelassen feiern, sondern hin und her rennen und ein Teil derer sein, die hier täglich arbeiten. Und von den Besuchern leben. "Kellnern am Annafest" lautet der Auftrag für den Abend und ich bin gespannt, ob es so stressig ist, wie es ausschaut.

Bierbank statt Schreibtisch: Der Firmentag auf dem Annafest

Am Mittwoch hieß es in vielen Forchheimer Behörden und Firmen: "Geschlossen, denn wir sind auf dem Annafest". Dort genossen die Forchheimer dann einen Arbeitstag der anderen Art - mit Bier, Brezen und Live-Musik. Sicherlich hat sich so manch einer für diesen Tätigkeitsbereich eine Festanstellung gewünscht.

Ich bin im Bereich 4 mit eingeteilt. Das ist der linke Teil der Halle, direkt hinter der Bühne am Neder. Um 18 Uhr ist hier noch keiner, das liegt wahrscheinlich auch an den knapp 30 Grad im Schatten. Also gehen wir erst zum Ausschank und holen uns die Münzen für den Abend.

System hinter den Kellnern

Um das System hinter dem Kellnern zu verstehen, brauche ich ein bisschen Zeit: Am Ausschank stehen Kästchen mit den Namen der Kellner. Jeder bekommt 100 Münzen, von denen die Bedienungen so viele wie möglich loswerden müssen. Eine Münze hat den Wert einer Maß.

Für Limo, Cola und Wasser müssen die Kellner im Voraus Chips kaufen und später einlösen, wenn ein alkoholfreies Getränk bestellt wird. Im Grunde ist jede Bedienung also ein "Zwischenhändler", der pro Maß Bier 85 Cent Gewinn macht und pro Limo oder Wasser 25 Cent vom Keller bekommt. Im Umkehrschluss heißt das: Der größte Verdienst eines Kellners ist das Trinkgeld der Besucher.

Von Fest zu Fest

Mittlerweile sitzen zwei Gruppen in unserem Bereich. Ein Radler und ein Limo wollen die beiden Frauen, die auf den Bänken Platz genommen haben. Wir holen die Getränke am Ausschank, legen eine Münze für das Radler hin und einen Chip am Stand nebenan für die Limonade. Am Tisch verlangen wir 13,80 Euro inklusive fünf Euro Pfand für das Radler und 2,50 Euro für die Limo. Trinkgeld bleibt aus. Die andere Gruppe hat sich ihr Bier schon vorher geholt und teilt sich zu dritt ihre Maß. Bei dem mäßigen Betrieb bleibt Zeit, sich mit den anderen Kellnern zu unterhalten. Viele von ihnen bedienen sonst auf der Bergkirchweih in Erlangen, auf dem Oktoberfest in München oder dem Cannstatter Wasen in Stuttgart.

Köööstlich! Kulinarische Verführungen auf dem Annafest 2018

Von Bratwurst, Langos, Fischbrötchen und Brathähnchen bis zu gebrannten Mandeln, Crêpes und Schoko-Pralinen: Das Annafest ist auch ein Fest für den Gaumen. Diese köstlichen Bilder beweisen es.

"Hier auf dem Annafest ist es vielleicht nicht so top organisiert, dafür ist es von der Atmosphäre viel schöner. Auf so großen Volksfesten ist es oft so steril, es herrscht ein harter Umgangston unter den Leuten", erzählt Markus, der von Fest zu Fest zieht und mit dem Kellnern sein Medizin-Studium finanziert.

Zu jung fürs Bier

Kurz vor 20 Uhr füllt sich unser Bereich endlich mit Leuten. Ich bin euphorisch und stelle mich schon darauf ein, sechs Maßen auf einmal an die Tische zu tragen. Schnell erkenne ich das Problem: An den Tischen haben sich mittlerweile zwar einige Besucher zusammengefunden, allerdings sind viele von ihnen noch keine 16 Jahre alt – oder haben ihren Ausweis "vergessen". Das heißt, den meisten dürfen wir gar kein Bier verkaufen.

Wenn man sich am Neder-Keller umschaut, vor allem die Bereiche vor und hinter der Bühne, sind fast ausschließlich Teenager da. Sie stehen auf den Bänken und singen zu den Hits, die "Die Nachtschicht" für sie spielen. In den Bereichen fällt das Trinkgeld sehr gering aus, da die Schüler noch nicht selbst verdienen.

Astrid Neder-Haub, die den Keller am Annafest betreibt, stören die jungen Gäste nicht. "Das sind die Kunden von morgen", erklärt sie den Bedienungen, wenn die sich über die knausrigen Besucher ärgern.

Bei den anderen Kellnern läuft es etwas besser, denn in ihren Bereichen sitzen vermehrt ältere Besucher, die gerne mal aufrunden. Das Geschäft ihres Lebens macht an diesem Dienstagabend aber keiner der Kellner. "Wir hoffen, dass am zweiten Wochenende mehr los ist. Da ist auch Monatsende, viele haben dann schon ihr Gehalt bekommen", so Markus.

So fällt die Abrechnung aus

Nachdem wir noch ein paar Maßen und Limos losgeworden sind, rechnen wir um halb zehn ab. Astrid Neder-Haub zählt die Münzen vom Anfang und schreibt auf, wie viele Maßen wir verkauft haben. 14 Stück waren es an diesem Abend. Zum Vergleich: So viele sollte man für ein gutes Geschäft in einer halben Stunde verkaufen. Glück für mich, da es ein durchaus entspannter Annafest-Abend war – aber Pech für die Kellner, die sich heute auf ein lohnenswerteres Engagement eingestellt hatten.

Die Partymusik der Band begleitet mich noch bis zum Kellerwald-Ausgang. Zum Thema, wie stressig es wohl ist am Annafest zu bedienen, hatten alle Keller dieselbe Einstellung: "Man hat nur so viel Stress, wie man sich selbst macht." 

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